Melanie – meine Freundin und Business-Buddy – hat mit ihrer Blogparade eine Frage gestellt, über die ich länger nachgedacht habe, als ich erwartet hätte. Das Buch, das mich nie wieder losgelassen hat, ist mir nicht als Erstes eingefallen. Ich wollte eigentlich über eines der Bücher schreiben, die mich in meiner persönlichen Entwicklung unglaublich weitergebracht haben. „Das Robbins Power Prinzip" von Anthony Robbins zum Beispiel, Hal Elrods „Miracle Morning" oder Robin Sharmas „Der 5-Uhr-Club".
Aber dann wurde es ein Roman, den ich während meiner Ausbildung in den 90er Jahren in die Hände bekommen hatte. Er hat mich damals nicht direkt und persönlich beeinflusst, ging mir aber nie wieder aus dem Kopf, weil sein Inhalt immer wieder aufs Neue aktuell wird.
Kennst du Jules Verne? „In 80 Tagen um die Welt", „20.000 Meilen unter dem Meer" – ja klar, kennt gefühlt jeder. Was Jules Verne vielleicht für dich ist, ist für mich Walter Jon Williams' „Aristoi".
Falls du „Aristoi" nicht kennst: Der Roman spielt in einer fernen Zukunft. Die Erde gibt es nicht mehr, eine außer Kontrolle geratene Nanotechnologie hat sie zerfressen. Die Menschheit lebt verstreut auf hunderten künstlich geschaffenen Welten, und über allem stehen die Aristoi, eine winzige Elite, die als Einzige die Technologie beherrschen darf, mit der man Planeten bauen und ebenso auslöschen kann. Manche Menschen verehren sie wie Götter. Geschrieben hat Williams das 1992, also bevor die meisten von uns überhaupt eine E-Mail-Adresse besaßen.
Als ich das Buch damals las, war das alles reine Fantasie. Ein Netzwerk, das das gesamte Wissen der Menschheit speichert und jederzeit abrufbar macht. Teilpersönlichkeiten, die man sich selbst erschafft, um mehrere Dinge parallel zu denken und zu erledigen. Maschinen, die auf Gedanken reagieren. Dreißig Jahre später sitze ich vor einem Chatfenster und lasse mir von einer KI beim Schreiben helfen. Stellenweise liest sich der Roman wie eine Vorschau auf genau die Fragen, die wir gerade erst anfangen zu stellen.
Das ist der Punkt, der mich bis heute nicht loslässt. „Aristoi" zeigt beide Seiten derselben Technologie. In den richtigen Händen baut sie Welten, in denen niemand hungert und ein erstaunlich freies Leben möglich ist. In den falschen wird aus demselben Werkzeug ein Instrument der Kontrolle, und genau das haben ein paar der Aristoi im Verborgenen getan. Sie haben ganze Welten künstlich verkommen lassen, Menschen für ihre Zwecke benutzt und die Spuren mit Mord verwischt. Diese Doppelnatur beschäftigt uns heute bei der KI: Werkzeug oder Waffe, Assistent oder Aufpasser. Williams hat die Frage gestellt, lange bevor wir eine Antwort gebraucht haben.
Am meisten hängen geblieben ist bei mir die Frage nach dem freien Willen. Gabriel, die Hauptfigur, hat sein ganzes Leben auf Kontrolle trainiert. Über seinen Körper, seinen Geist, seine selbst erschaffenen Teilpersönlichkeiten. In dieser Welt lassen sich Menschen sogar über einstudierte Gesten und Haltungen lenken, die direkt aufs Unterbewusstsein zielen. Ausgerechnet Gabriels perfekte Selbstbeherrschung wird ihm fast zum Verhängnis, weil sein Gegner genau da ansetzt. Am Ende rettet ihn der eine Teil in ihm, den er nie zähmen, nie benennen, nie ganz kontrollieren konnte. Der Gedanke gefällt mir bis heute: Unsere unkontrollierbaren Anteile sind manchmal genau das, was uns rettet.
Und dann ist da die Gesellschaft, die Williams entwirft und die mich in den 90ern ziemlich verblüfft hat. Wer zu den Aristoi gehört, entscheidet sich über Prüfungen und Können, nicht über Herkunft oder Geschlecht. Frauen und Männer stehen selbstverständlich gleichberechtigt an der Spitze. Gabriel liebt Männer und Frauen, ohne dass der Roman darüber auch nur eine Sekunde die Stirn runzelt. Zwischen den Welten darf jeder frei umziehen, und die engstirnigen Domänen verlieren dabei einfach ihre Leute. Toleranz funktioniert hier als Mechanik. Für ein Buch von 1992 war das erstaunlich weit gedacht.
Unter all der Technik steckt eine überraschend warme Überzeugung. Williams traut den Menschen etwas zu. Die Gefahr in „Aristoi" geht selten von der Technologie selbst aus, sie geht von dem aus, was zu viel Macht mit einem einzelnen Menschen anstellt. Und selbst dann hält der Roman daran fest, dass die meisten im Kern anständig sind. Diese Mischung aus Misstrauen gegenüber der Macht und Vertrauen in den bzw. die Menschen ist für mich das Herz des Buches.
Melanie hat nach dem Buch gefragt, das mein Leben verändert hat. „Aristoi" hat das nie im klassischen Sinn getan. Es hat mir keine Morgenroutine verpasst und keine Gewohnheit umgekrempelt. Es tut etwas Hartnäckigeres: Es erklärt mir alle paar Jahre die Gegenwart neu. In den 90ern war es Zukunftsmusik, um die Jahrtausendwende passte es plötzlich zum Internet, heute passt es zur KI. Welches Buch schafft das schon?
Und vielleicht klingt es schräg, aber genau hier schließt sich für mich ein Kreis zu meiner eigenen Arbeit.
Die Aristoi erschaffen sich Rollen, in die sie schlüpfen, um ganz sie selbst zu sein. Bei meiner Arbeit mit Bildern geht es um dasselbe, nur ohne Nanotechnologie.
Auf einem guten Foto wird der echte Mensch sichtbar, mit Haltung, mit Ecken, mit allem, was dazugehört. In meinem Bildwerk zeige ich Unternehmerinnen, wie sie genau das selbst hinbekommen, vor der eigenen Kamera, ohne sich zu verstellen. Damit das leicht wird, steckt ein System dahinter: die Archetypen. Du musst dich nicht fragen, wie du wirken willst. Du schlüpfst in deinen Archetyp, lebst ihn aus, und die Kamera hält es fest. So bekommst du die Kontrolle über deine eigenen Bilder, ohne dass es sich nach Kontrolle anfühlt.
Das ist die Freiheit, um die es in „Aristoi" im Kern geht, übersetzt in meinen ganz normalen Alltag.
Wenn du Science-Fiction magst und vor ein paar Seiten mit zwei nebeneinander laufenden Textspalten nicht zurückschreckst (damit zeigt Williams, wie in einem Kopf mehrere Gedanken gleichzeitig ablaufen, gewöhnungsbedürftig, aber clever): Lies es.
Und dann erzähl mir, ob es dich genauso wenig wieder loslässt wie mich.

Mit der Frage „Welches Buch hat dein Leben verändert?“ hatte ich meine Blogparade gestartet. Beim Lesen aller Beiträge wurde schnell klar, dass es um viel mehr als Buchempfehlungen geht. Hinter jedem Buchtitel steckt ein Stück echtes Leben. Daraus wurde eine wundertolle Sammlung aus Erfahrungen und 48 Buchempfehlungen, die ohne eure persönlichen Geschichten einfach nur eine Bücherliste geblieben wäre.
Freudentanz ist angesagt!
Danke, dass du ein Teil davon bist 🩵
https://minschtl.de/blog-wortgefluester/buchempfehlungen-die-geschichten-weiterschreiben/
Liebe Grüße aus meinem Ideenreich
melanie minschtl® hafner
Sehr gerne, Melle, es sind tolle Beiträge zusammengekommen, danke, dass ich dabei sein konnte.